Ist git für die Wikipedia geeignet?

Scytale entwickelt unter dem Namen „Levitation“. eine Alternative zu MediaWiki. Ist das eine geeignete Alternative für Wikipedia.

Die Sache funktioniert nur, wenn man auch ohne den Download irgendwelcher Daten mitmachen kann. Wenn durch eine solche Maßnahme die Eintrittschwelle erhöht wird, bleibt der Kreis der Autoren naturgegen klein und wird sich in der Regel wieder auf das altebekannte Spektrum (weiß, jung, computer- & netzaffin) stützen. Damit ist keine allgemeine Enzyklopädie machbar, eher ein Nerdlexikon. Es ist also der Aufbau einer Serverfarm erforderlich. Hierbei ist vor allem auf die Performance zu achten. Derzeit hat die deutsche Wikipedia ca. 700.000 Edits im Monat (ca. 23.000 am Tag, 16 Edits in der Minute). Zu Hochzeiten sind das auch schon mal 40-50 Edits. Die englische WP hat 4.000.000 Edits im Monat (1,5 Edits je Sekunde).

Außerdem scheint in diesem System die Mitwirkung von nicht angemeldeten Benutzern unmöglich zu sein. Damit würde ein wichtiger Teil der Benutzer unwiederbringlich wegfallen.

Soweit die technischen Aspekte. Wie sieht es mit der Manipulierbarkeit aus. Bisher werden vor allem kontroverse Artikel von vielen Benutzer beobachtet und auf einem Stand gehalten, der von der Mehrheit akzeptiert wird. In Zukunft kann eine Gruppe von Personen eine Artikelversion puschen, die ihren Vorstellungen entspricht. In diesem System brauch‘ man nur genügend Accounts um eine entsprechende Manipulation zu erreichen. Die Sockenpuppenproblematik wird dann noch gefährlicher. Auch wird in diesem System die Meritokratie noch mehr gefördert. Ein Neuling hat nicht viele oder keine „Followers“ und hat es demgegenüber schwer in einer vorhanden Gruppe akzeptiert zu werden. Insofern ist das System sogar wesentlich anfälliger für den Ausschluss bestimmter Personen von der Akzeptanz ihrer Arbeit.

Die Idee die dahinter steht ist an und für sich nicht schlecht, ob sie jedoch für den Einsatz zum Schreiben einer Enzyklopädie eignet, ist in meinen Augen nicht abschließend geklärt.

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Über Liesel

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4 Antworten zu Ist git für die Wikipedia geeignet?

  1. Scytale schreibt:

    Dass man ohne eine lokale Git-Installation oder den „Download irgendwelcher Daten“ mitmachen kann, habe ich hoffentlich in meinem Artikel deulich genug dargelegt. Was die Skalierbarkeit angeht: Ich glaube, 50 Edits in der *Sekunde* sollten ohne größere Probleme auf Standardhardware machbar sein, auf einem Server eher mehr. Selbst dann, wenn man das „normale“, dateibasierte Git benutzt und nicht den Storage-Teil durch irgendwelche Datenbanken ersetzt, was Git durchaus auch zuließe.

    Warum sollten nicht angemeldete Benutzer nicht mitarbeiten können? Ob ein Benutzer jetzt „Weissbier“ oder „23.42.47.11“ heißt, ist für das System unerheblich. Hier hätte ich mir ein bisschen mehr Substanz gewünscht als einfach nur FUD nach dem Motto „Levitation schließt IP-Edits aus“.

    Und auch „nur genügend Accounts“ für „Manipulation“ ist Unfug. Angenommen, ich erstelle mir 100 Accounts und übernehme meine „manipulativen“ Änderungen in jeden dieser Accounts, dann befinden sie sich immer noch nur in dem unter meiner Kontrolle stehenden „Benutzerklumpen“. Solange kein Fremder sie übernimmt, bleiben sie auch da. Da halte ich Sockenpuppen bei Wikipedia-Abstimmungen für ein weitaus realistischeres Risiko.

    Dass ein Neuling keine „Follower“ hat, habe ich auch bereits erwähnt — und das Problem im selben Atemzug auch gleich gelöst: Eine automatisch generierte Liste „Artikel, die bislang von wenigen übernommen wurden“, die erfahrenere Benutzer durchsehen und übernehmen können. Und jetzt sag nicht, es gäbe niemanden, der diese Aufgabe übernehmen würde. Da muss man sich nur mal die „Eingangskontrolle“ der Wikipedia ansehen.

  2. liesel73 schreibt:

    Wegen IPs habe ich geschrieben: „scheint“. Danke für die Aufklärung. Natürlich ist es für das System unerheblich. In der WP sollte jedoch der Wert eines angemeldeten Accounts und einer IP gleichwertig sein. Diese Gleichwertigkeit sehe ich einfach nicht bei Levitation.

    Das Problem mit den Benutzerklumpen wurde auch schon mal theoretisch bei den bestätigten Benutzern in der WP besprochen. Es wird in diesem Zusammenhang reichen, wenn eine der Personen in diesem manipulierten Klumpen von anderen wieder verfolgt wird.

    Die Einbindung von Neulingen erfordert aber bei Levitation Aktivität. In der Wikipedia ist das Ausschließen von Neulingen mit Aktivität verbunden. Wenn ein Neuling in einem Artikel etwas ändert oder einen neuen Artikel schreibt ist er automatisch drin. Will ich ihn nicht drin haben, muss ich aktiv werden, d.h. revertieren oder löschen.

    Wie schon geschrieben, ich halte den Ansatz für interessant. Ober er in der Praxis jedoch funktioniert, kann man schlecht voraussagen, da es ein Unterschied ist, ob ich eine Software entwickele oder eine Enzyklopädie schreibe.

  3. Scytale schreibt:

    Wenn du die Gleichwertigkeit nicht siehst, kann ich auch nicht mehr tun, als zu versuchen, sie dir zu zeigen. Ich verstehe im Gegenzug nicht, warum Levitation in der Hinsicht anders sein sollte als die jetzige Wikipedia. Sogar liberaler: Halbgesperrte Artikel gibt es nicht. Es gibt überhaupt keine gesperrten Artikel.

    Natürlich reicht ein Follower, um evtl. eine Kettenreaktion von Vandalismusübernahme in Gang zu setzen. Aber bevor ich jemandem followe, schau ich doch erst mal, ob diese Person auch sinnvolle Änderungen macht. Wenn ich das nicht tue, bin ich reichlich dumm. Und reichlich dummen Leuten followt wieder keiner.

    Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass viele Leute, vielleicht sogar ein Großteil, die Änderungen ihrer Follower nur manuell übernehmen. Da fällt Vandalismus auf. Und falls nicht, fällt er ziemlich schnell jemandem beim Lesen auf. Der macht das dann rückgängig und setzt ein Häkchen „diese Änderung damals war Unfug“. Und bei allen Leuten, die diese Änderung haben, leuchtet eine kleine Warnung auf. Zum Beispiel.

    Klar erfordert das Einbinden von Neulingen Aktivität. Und das ist eine gute Sache. Denn damit haben wir den Vandalismus erschlagen. Und die oft kritisierte Tatsache, dass man als Neuling bei der Wikipedia keinen Kontakt zu anderen findet.

    Und natürlich ist es ein Unterschied, ob ich Software entwickle oder eine Enzyklopädie schreibe. Es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Apfel esse oder eine Birne. Die Frage ist aber, ob dieser Unterschied, und nun verzeih mir ein verschmitztes Lächeln, in diesem Punkt relevant ist.

  4. Thomas R. Koll schreibt:

    Ich dachte ich könnte mir jetzt meinen Artikel über das Thema ganz sparen, aber ein paar Anmerkungen muss ich loswerden:

    Zuerst einmal: git ist verzeichnisbasiert, wikipedia artikelbasiert. Man müsst git entsprechend anpassen um zukünftig noch ordentliche merges zu haben und nicht nur cherry-picking einzelner commits. Ich glaub sogar dass das wenn auch uralte aber dateibasierte CVS besser geeignet wäre für die Wikipedia als git.
    Eine commit nummer in git steht für das ganze repo etwas das man bei forks ja nicht haben werden will, während man in einem dateibasiertem Versionssystem sagen kann: München version 234 nehm ich, Berlin version 45 bis 52 lass ich aus.

    Die technischen Hürden sind meiner Meinung nach so groß dass es langfristig nur ein dutzend forks bestehen würden und die aufgrund der benutzerstruktur auch sehr unterschiedlichen content liefern. Der administrative Aufwand der durch git entsteht wäre viel größer als bei Wikiepdia, man muss ja alle edits die man in einem anderen repo für das eigene repo geeignet wird cherry-picken.

    Wenn du was an der wikipedia ändern willst, dann wirst du mit Änderungen an Mediawiki mehr Erfolg haben. git ist hier das falsche Werkzeug.

    PS: 50 commits die sekunden kannst du schaffen, keine frage, aber die merge conflicts werden die Autoren abschrecken.

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