Bezahlte Wikipedia-Autoren

Im Rahmen der Wahlen für den Community-Budget-Ausschuss wurde die Frage an die Kandidaten herangetragen, was sie von bezahlter Artikelarbeit halten. Im konkreten Falle geht es darum, ob der deutsche Verein Wikimedia Deutschland e. V. Autoren fürs Artikelschreiben Geld geben soll.

Da ich mich bisher noch nicht zur Wahl gestellt habe sehe ich davon ab, auf der dortigen Seite meine Meinung dazu darzustellen. Dafür habe ich ja hier eine Plattform.

Ein Punkt der dabei betrachtet werden sollte ist zumindest die rechtliche Seite. Ist jemand der für’s Artikelschreiben Geld von WMDE e. V. bekommt, als Arbeitnehmer zu sehen? Haftet der Verein für die Arbeit des von ihm bezahlten Autors? Aber das ist eine Frage die der Verein mit seinem Rechtsbeistand klären sollte.

Ich halte es für gefährlich für die Autorengemeinschaft, wenn offen Autoren aus der Gemeinschaft für ihre Tätigkeit bezahlt werden. Für die gleiche Tätigkeit die sie eventuell kurz vorher noch ehrenamtlich erledigten.

Der Verein soll ruhig Menschen dafür bezahlen, wenn sie Dienstleistungen erbringen, die nicht oder nur schlecht durch die Ehrenamtlichen erbracht werden. Ein schönes Beispiel ist hier das Projekt WikiData. Jahrelang dümpelte die Sache dahin, weil die Ehrenamtlichen nie lange dafür zu begeistern waren oder sie irgendwann das Interesse verloren. Somit ist es wahrscheinlich wirklich notwendig, hier bezahlte Kräfte darauf ansetzen.

Nun könnte jemand sagen, man könnte ja mit einem bezahlten Autor gezielt das Fachgebiet „XY“ ausbauen, das bisher nur dahin dümpelt. Ja das wäre möglich. Aber Wikipedia ist vielleicht auch deshalb gewachsen, weil sich die Autoren eigenen Ziele gesetzt haben, dass jeder mit sich selber oder mit Mitautoren ausgemacht haben, welche Artikel geschrieben werden sollen. Die Entwicklung der Wikipedia verlief relativ ungesteuert und trotzdem sind heute die wichtigsten Themen mit einem Artikel abgedeckt. Manchmal werden auch Wettbewerbe veranstaltet um neue Artikel zu erstellen oder schlechte zu verbessern. All‘ dies funktioniert auf freiwilliger Basis und jeder Autor kann sich entscheiden, ob und in welcher Form er mitarbeitet. Wenn nun in einem bestimmten Bereich eine bezahlte Kraft unterwegs ist, führt das möglicherweise zu mehr und besseren Artikeln in diesem Bereich. Zu befürchten ist aber auch, dass die freiwilligen Autoren diesen Bereich verlassen, denn es gibt ja bezahlte Kräfte die sich darum kümmern. Die freiwilligen Autoren wechseln nun zu anderen Bereichen oder verlassen die Wikipedia ganz, weil ihnen ja die Arbeitsaufgabe weggenommen wurde.

Diejenigen die vor allem Fotos beisteuern, wären vielleicht auch nicht sehr erfreut, wenn der Verein auf einmal professionelle Fotografen bezahlen würde.

Langfristig würde eine solche Entwicklung immer mehr dahin führen, dass sich viele bisher ehrenamtlichen Autoren um eine bezahlte Autorenstelle bemühen werden. Irgendwann wären dann vielleicht die bezahlten Kräfte in der Mehrheit und die Ehrenamtlichen nur noch eine verschwindende Minderheit. Wikimedia wäre dann nur noch ein Lexikon-Vermarkter wie jeder andere. In der Zwischenzeit würde es wie Henriette in ihrem Beitrag vorhersagt, es zu einem Bruch in der Autorengemeinschaft kommen.

Bezahlen Unternehmen oder andere Institutionen Autoren für Wikipedia-Artikel-Arbeit, dann sieht das anders aus. Hier ist das Themenfeld meist arg eingeschränkt, der Zugang zu dieser Arbeitsstelle ist stark reglementiert und die Tätigkeit eines solchen Accounts unterliegt in der Regel der besonderen Aufmerksamkeit andere Autoren. Eine solche Einschränkung beim Zugang und die besondere Kontrolle der Arbeit soll aber gerade bei einem wikimedia-bezahlten Autoren nicht vorhanden sein. Ein solcher Autor soll ja, wenn möglich im Heer der Ehrenamtlichen untergehen.

Deshalb gilt für mich, für das was die Wikipedianer am besten bringen, Artikel schreiben, enzyklopädische Fotos machen, Karten zeichnen, Grafiken erstellen brauchen wir keine durch Wikimedia bezahlten Kräfte. Wir können Menschen für Hilfsdienste bezahlen, wofür wir keine Lust und keine Fähigkeiten haben.

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Über Liesel

Wikipedia-Autor
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4 Antworten zu Bezahlte Wikipedia-Autoren

  1. M. schreibt:

    Ich stimme Dir zu. Eine Ausnahme sollten wir IMHO überlegen, bei den Botbetreibern zu machen. Deren Tools sind für so viele so nützlich. Das wird aber erst dann bewusst, wenn die Technik streikt oder der Botbetreiber inaktiv ist (beides ist bzw. war vor kurzem der Fall). Eine Alternative wäre (wie in Deinem Wikidata-Beispiel), diese Leistungen zentral anzubieten.

  2. Das hast Du gut und m. E. auch sehr richtig gesagt: „Der Verein soll ruhig Menschen dafür bezahlen, wenn sie Dienstleistungen erbringen, die nicht oder nur schlecht durch die Ehrenamtlichen erbracht werden.” Jeder von uns kann doch locker an vier Hasenpfoten X tolle Ideen für die WP aufzählen, die nur deshalb versickert, versandet und gestorben sind, weil nach anfänglicher Euphorie keiner mehr Lust & Zeit hatte.

    Geübter Unkenrufer der ich bin, frage ich mich dennoch wann der Punkt kommt an dem der Wahnsinn zur Methode wird. Dann nämlich, wenn Projekte und Ideen mutwillig ausgesessen und verschleppt werden, um sie damit an den Punkt des „siehste, geht halt doch nur mit Bezahlung!” zu bringen. Und dann _das_ bezahlt zu tun, was ein Jahr vorher noch ehrenamtlich gemacht worden wäre.

  3. Arcy schreibt:

    WikiData ist ein Infrastruktur-Projekt und ein schlechtes Beispiel für bezahlte Autorenarbeit.

    Große Teile der Kosten nicht vom Verein bezahlt werden. Das Projekt wird mit 1,3 Millionen Euro vom Allen Institute for Artificial Intelligence -> Paul G. Allen -> Microsoft, finanziert. Ein Viertel der Entwicklungskosten von Wikidata ist durch eine Spende der Gordon and Betty Moore Foundation (Intel) gesichert. Google stellt ein weiteres Viertel der Wikidata-Finanzierung bereit. „Die Wikipedia“ bezahlt also fast gar nichts. Die Gelder sind zweckgebunden und nicht für die Autorenarbeit einsetzbar. Das dann nutzbare Ergebnis, die Einarbeitung der Daten durch unbezahlte Autoren – steht dann zu den Kosten in einem extrem guten Preis-Leistungsverhältnis.

    Gruß Arcy

  4. Liesel schreibt:

    @arcy Steht ja auch nicht da, dass WikiData ein Beispiel für bezahlte Autorenarbeit ist. WikiData ist ein Beispiel dafür, dass man für manche Arbeiten Menschen bezahlen muss, weil die Freiwilligen nicht zu Potte kommen.

    @henriette Im Sinne von AGF gehe ich davon aus, dass der gemeine Wikipedianer gar keinen so langen Durchhaltewillen hat und er sowieso nur kurzfristig plant.

    @M Bei Botbetreiber ist häufig das Problem, dass der Quellkonto nicht open source und nicht öffentlich ist. Damit ist auch eine Übernahme eines inaktiven Bots schwieriger.

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