Wikipedia – der Nabel der Welt.

Auf Grund des Einschreitens der Wikimedia Foundation im Rahmen der Komplettsperrung des Mediaviewers in der deutschsprachigen Wikipedia mit dem neu geschaffenen Superprotect-Recht wird erneut und heftig die Beziehung zwischen der Foundation und den einzelnen Projekten diskutiert. Benutzer:Sicherlich stellt dabei die wichtige Frage: „Wie war das früher und warum ist das heute nicht mehr so?

Ich glaube das ist nicht einfach zu beantworten. Die einen meinen, es liegt daran, dass die Foundation ihre Verbindung zu den Autoren verloren hat und in ihrer eigenen Welt fernab in San Francisco lebt und gar nicht mehr mitbekommt was notwendig und nötig ist.

Ich denke, dass ist wesentlich kompliziert. Auf der einen Seite stehen Autoren die seit 10 und mehr Jahren in den Projekten aktiv sind. Sie haben sich „eingerichtet“ und sind mit mehr oder weniger allen Finessen der Softwareumgebung vertraut, nutzen verschiedene Zusatzprogramme (Tools, Scripte etc.) um ihre Arbeit zu erleichtern. Auch haben sich in den letzten Jahren Hierarchien in den Projekten gebildet, es entstanden Anforderungen an die Artikel (Relevanzkriterien, Namenskonventionen etc.) sowie mit Unterstützung der Chapters im deutschsprachigen Raum auch eine Fördermöglichkeit für die Autoren. Dies betrifft zwar vor allem den Fotobereich, da das Bezahlen von Autoren immer noch anrüchig ist.

Andererseits ist die Foundation nicht mehr die kleine Förderstiftung zum Erhalt der Server. Durch die enorm gewachsenen Spenden entstand auch eine größere Verwaltung und die Notwendigkeit dieses Geld auszugeben. Wurde einerseits versucht neue Autoren zu gewinnen, in dem verschiedene Kampagnen liefen (Global South, Gender Gap) ist andererseits auch die Fortentwicklung der Software notwendig.

Womit ich jetzt zum aktuellen Diskussionpunkt komme. War die MediaWiki-Software-Entwicklung früher mehr oder weniger ein Projekt von Ehrenamtlichen so wird es heute auch von etlichen bezahlten Programmierern mitgestaltet. Anfänglich krankte die Software unter vielen Bugs und die Beseitigung dauerte manchmal Jahre, da die Programmierer gerade anderes machten und dazu keine Lust hatten. Die Autoren richteten sich damit ein und lebten mit den kleinen und großen Fehlerchen und jubelten, wenn mal einer beseitigt wurde. Das bedeutete aber auch, dass bis vor wenigen Jahren das Design noch auf dem Stand der 1990er Jahre war und auch die Benutzung der Software eigentlich nur mit bestimmten Helferlein (Gadgets) einen wirklich guten Work-flow erlaubte. Inzwischen wurden seitens der Foundation bezahlte Programmierer angestellt, dass ermöglicht nicht nur eine kontinuierliche Fortentwicklung und Pflege der Software sondern nunmehr auch die Möglichkeit, einer Komplettüberarbeitung mit der Anpassung an die neuen Anforderungen durch mobile Endgeräte (Smartphones, Tablets).

Mit dieser Entwicklung einher geht aber auch eine gewisse Distanz zwischen den Autoren und den Entwicklern der Software. War früher so mancher Autor noch nebenher Entwickler, so ist das heute kaum noch der Fall. Somit geht auch ein gewisser Informationsfluss zwischen den Autoren und der Softwareentwicklung verloren. Die Autoren haben dadurch den Eindruck, es wird etwas entwickelt, was sie nicht benötigen, weil sie ja mit dem bisherigen gut leben konnten. Damit verbunden ist natürlich auch eine gewisse Gewöhnung. Größere Softwareänderungen erfordern eventuell Änderungen am eigenen Nutzerverhalten. Andererseits werden auch die Anforderungen an die Software höher. Nahm man früher den einen oder anderen Bug hin und hoffte darauf, dass er zeitnah beseitigt wird, wird heute von manchen Autoren eine weitgehend bugfreie Software erwartet.

Durch die Trennung zwischen Autoren und Entwicklern ist aber auch ein anderer Prozess eingetreten. War es früher einfacher, bestimmte Entwicklungen anzuschieben oder Softwareverbesserungen einzubringen, ist das heute schwerer. So kommen sich im Gegensatz zu früher, viele Autoren den Softwareentwicklern ausgeliefert vor. Dazu kommt noch, dass im Gegensatz zum Mitspracherecht im Projekt, das Mitspracherecht bezüglich der Softwareentwicklung schon immer relativ eingeschränkt war. Dieser Eindruck wird jetzt noch dadurch verstärkt, dass irgendwo eine Software-Abteilung sitzt, die kommunikativ nicht erreichbar ist.

Mein Eindruck ist, dass sich im Grunde wenig grundsätzliches geändert hat, was den jetzigen Konflikt irgendwie begründen könnte. Meiner Meinung nach liegt der Konflikt eher darin begründet, dass eine gewisse Inflexibilität bei den Autoren eingetreten ist. Man ist nicht mehr so einfach bereit, sich auf Neues einzulassen und auch mal gewissen Einschränkungen hinzunehmen. Im Gegenteil, man erwartet gar keine großen Neuerungen mehr und hofft auf absehbare Zeit, dass der Status Quo bestehen bleibt.

Aber war früher die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ein Vorteil der Wikipedia um neue Autoren zu gewinnen, ist dieser Stillstand meiner Meinung nach ursächlich für den schleichenden Rückgang von Autoren. Während alte Autoren weggehen, lassen sich nur wenige neue Autoren für die eingeschliffenen Verhältnisse in der Wikipedia begeistern.

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